| Ornament und Verbrechen
Für Morris sind Kunst und Handwerk eins, ganz im Gegensatz z.B. zu Adolf Loos, der ja in seiner berühmt gewordenen Streitschrift „Ornament und Verbrechen“ eine scharfe Trennung zwischen „überflüssigem“ Ornament und Bildender Kunst zieht. Wie kann das Ornament, das als angewandte Kunst gilt, heute in die Sphäre der Bildenden Kunst transferiert werden?
Kulturgeschichtlich betrachtet ist das Ornament der Traum von einer idealen Welt. Es fasziniert seit Jahrhunderten als Inbegriff des Schönen, der Perfektion, ist Abstraktion und Idealisierung der Natur auf der Gradwanderung zum Kitsch. Was passiert, wenn das Ornament seine „Unschuld“ verliert, Fragen aufwirft, Denkprozesse in Gang setzt, Ekel und Zorn erzeugt oder einfach nur zum Lachen bringt?
Das Ornament als Ausschnitt eines Ganzen wird unbewusst ins Endlose gedacht. Verfolgt man diesen Grundgedanken, steht das Ornament auch für die Idee vom unbegrenzten Wachstum, gleichzeitig für das Bemühen, die große Leere und die Angst davor, den „horror vacui“, zu vermeiden.
Ich zitiere in meinen Arbeiten klassische Ornamente aus unterschiedlichen Kulturen und Epochen. Ich erweitertere und verfremde diese Strukturen mit zeitgenössischen Abbildungen von Menschen und Gegenständen, die ich schablonenartig, vexierbildhaft und sich wiederholend in den Rhythmus des Ornaments einfüge. Dabei erzeugt die farbliche und formale Komposition aus diesen gegensätzlichen Elementen eine dichte visuelle Einheit, die auf den ersten Blick rein dekorhaft erscheint. Auf den zweiten Blick konterkarieren die Eigenwilligkeit der gewählten Themen und das Zusammenspiel von Ornament und Bild die handwerklich aufwendige Ästhetik des klassischen Schablonendrucks. Es eröffnet sich eine irritierende und zutiefst ironische Ebene, die gesellschaftliche Klischees und Paradoxien aufgreift und infrage stellt.
Diese Doppelbödigkeit zeichnet auch die jüngst entstandenen Schablonendrucke aus, die ich in der Tokyoter Ausstellung 2009 zeigte: Eingebettet in ornamentale Schönheit standen Selbstmorddarstellungen neben Samuraikriegern und Geishas in bayerischer Tracht, ein ironisches Hybrid aus Klischees über Japan und Deutschland. Unter dem Eindruck meines Japan-Aufenthalts habe ich für die Berliner Folge-Ausstellung 2010 einen überdimensionalen Paravent geschaffen, der auf der visuellen Ebene traditionelles und modernes Japan zu vereinen scheint, auf der symbolischen Ebene aber auf den Sprengstoff in dieser Gesellschaft hinweist: Uniforme japanische ‚Businessmen‘ gehen hier ihrem liebsten Mittagspausen-Vergnügen nach, dem Nintendo-Spiel, vor einem Hintergrund aus traditionellen Kimonomustern, in denen wiederholt drei Pokemon-Figuren auftauchen. Die Charaktere auf den Karten dieses weltweit erfolgreichsten „Kinderspiels“ made in Japan entspringen einer Fantasy-Welt, die sich willkürlich aus asiatischen Mythen bedient. Die drei von mir ausgewählten stehen für zerstörerische Kräfte, die einmal entfesselt die ganze Welt vernichten können, ein Sinnbild für die globale Krise der Idee vom unbegrenzten Wachstum, die inzwischen alle postmodernen Konsum-Gesellschaften westlichen Stils erreicht hat.
Ich danke Anna Stern, die meine Gedanken so gut in Worte fassen kann.
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